URLs for Books

Your last ebook:

You dont read ebooks at this site.

Total ebooks on site: about 25000

You can read and download its for free!

Ebooks by authors: A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z 
Niemetschek, Franz Xaver / Lebensbeschreibung des k. k. Kapellmeisters Wolfgang Amadeus Mozart
Lebensbeschreibung

des

K. K. Kapellmeisters

Wolfgang Amadeus Mozart,

aus

Originalquellen,

von

Franz Xav. Němetschek,
Professor an der Universität zu Prag.


Zweite vermehrte Auflage.


Prag 1808,
in der Herrlischen Buchhandlung.




Die Nachwelt hat über den Rang bereits entschieden, der _Mozarten_ als
Künstler gebührt. Einzig, unübertroffen steht er, ein Raphael seiner
Kunst, unter den glorreichen Genien _Händel_, _Cimarosa_, _Gluck_,
_Hayden_, oben an; sein Ruhm erfüllt die ganze gebildete Welt.

Aber _Mozart_ als Mensch ist nicht minder interessant: die frühe
Entwicklung und die schnelle Reife seines wunderbaren Genies biethet dem
Forscher der menschlichen Natur lehrreichen Stoff zum Nachdenken dar. In
beider Hinsicht darf sich diese biographische Skizze versprechen der
Aufmerksamkeit des Publikums nicht unwerth zu seyn.




I.

Die Jugend Mozarts.


Der Vater dieses außerordentlichen Genies, Leopold Mozart, war der Sohn
eines Buchbinders zu Augsburg; er studirte zu Salzburg, und kam im Jahre
1743 als Hofmusikus in die fürstl. Kapelle. Sein Talent verbunden mit
einem rechtschaffenen Charakter verschaffte ihm 1762 die Stelle des
zweiten Kapellmeisters. Er war mit Anna Bertlinn verheurathet; beyde
waren von einer so vortheilhaften Körpergestalt, daß man sie zu ihrer
Zeit für das schönste Ehepaar in Salzburg hielt.

Leopold Mozart beschäftigte sich mit dem Hofdienste, die übrigen Stunden
wendete er auf Komposition und Violinunterweisung. Welch ein
vorzüglicher Kenner dieses Instruments er gewesen sey, beweiset die
allgemein bekannte _Violinschule_, die er 1766 herausgab, und die im
Jahre 1770, und zu unserer Zeit das drittemal in Wien aufgelegt wurde.

Er zeugte 7 Kinder; aber nur 2 blieben am Leben; ein Mädchen und ein
Knabe. Der Sohn der im Jahr 1756 am 27sten Jänner gebohren ward, hieß
Wolfgang Gottlieb, oder _Amadeus_; die Schwester, die älter war, Maria
Anna.

Da der Vater bald an den beyden Kindern ein vorzügliches Talent zur
Musik bemerkte, so gab er alle Lektionen und auswärtige Geschäfte außer
seinem Dienste auf, und widmete sich ausschließlich der musikalischen
Erziehung dieses Kinderpaares.

Dieser vortrefflichen Leitung muß der ungewöhnlich hohe Grad der
Vollkommenheit, zu dem Mozarts Genie sich so bald empor schwang,
zugeschrieben werden. Die Natur vermag freylich viel – aber verwahrlost,
oder zu einer andern Richtung gezwungen, verliert sie vieles von ihrer
ursprünglichen Kraft. Auf die ersten Ideenreihen und Eindrücke kommt es
bekanntermaßen bey der Erziehung der Kinder am meisten an; denke man
sich nun ein so großes natürliches Talent, als Mozart besaß, in so
günstigen Umständen, so wird man bald von dem Erstaunen, in welches uns
das Unbegreifliche seiner Aeußerungen und Begebenheiten versetzt, zurück
kommen, und den Thatsachen, die ich zu erzählen im Begriffe bin, gern
Glauben beimessen. Die ersten Eindrücke, die sein Ohr auffaßte, waren
Harmonien und Gesang; Musik waren die ersten Worte und Ideen, die er
begriff! So mußte der himmlische Funke, den die Gottheit in den Busen
dieses den Tönen geweihten Knaben gelegt hatte, sehr früh aufwachen und
in helle Flammen schlagen. Die gründlichen Kenntnisse seines sorgsamen
Vaters kamen überall dem aufwachenden Genie entgegen; so wuchs er auf,
so reifte er schneller, als die bloße Natur zu reifen vermag.

Mozart war eben 3 Jahr alt, als seine 7 jährige Schwester den ersten
Unterricht auf dem Klaviere bekam; und hier äußerte sich zuerst das
Genie des Knaben. Er setzte sich oft freywillig zu dem Klavier und
beschäftigte sich stundenlang mit der Zusammenstimmung der _Terzen_, die
er dann, wenn er sie fand, anschlug, und in lebhafte Freude ausbrach.
Nun fing also der Vater an ihm leichte Stücke spielend beyzubringen; und
er fand zu seinem freudevollen Erstaunen, daß der Schüler alle
menschliche Erwartung übertraf; er lernte gewöhnlich in einer Stunde ein
Menuet, oder ein Liedchen, und trug es dann mit dem angemessenen
Ausdrucke vor.

Jeder Leser wird es wahrscheinlich finden, wenn ich sage, daß der
kleine Mozart, das lebhafteste Temperament, und ein sehr zärtliches
Gefühl hatte. Seinen kindischen Spielen ergab er sich mit einer
Innigkeit, die ihn auf alles übrige vergessen ließ, und Liebe für alle
Personen die um ihn waren, oder sich mit ihm abgaben war sein
herrschender Hang; er fragte jeden, der mit ihm umgieng, ob er ihn lieb
habe, und vergoß gleich Zähren, wenn man es scherzweise verneinte.

Ueberhaupt ergab sich Mozart schon als Kind und Knabe allen Dingen und
Personen, an denen sein Geist Interesse fand, mit der ganzen warmen und
lebhaften Innigkeit, deren ein so zartorganisirter Mensch fähig ist.
Dieser Zug blieb stets auch an dem Manne das unterscheidende Merkmal –
und war oft sein Unglück.

Im 6ten Jahre kam er schon in der Musik so weit, daß er selbst kleine
Stücke auf dem Klavier komponirte, die dann sein Vater in Noten setzen
mußte. Von diesem Zeitpunkte an empfand er nichts so lebhaft, als Töne,
und jede andere Spielerey, die sonst Kinder freut, war ihm gleichgiltig,
sobald nicht Musik dabey war.

Die täglichen Fortschritte die er darinn machte, setzten oft den Vater,
der doch beständig um ihn war, und jeden Schritt beobachtete, in das
überraschendeste Erstaunen; denn es waren nicht Fortschritte eines
gewöhnlichen geschickten Lehrlings, sondern Riesenschritte eines Genies,
dessen Größe selbst sein Vater und Erzieher nicht ahnden konnte, weil
seine Entwickelung und Aeußerung auch den größten Erwartungen zuvor kam.
Folgende Begebenheit, die auch Schlichtegroll in seinem Nekrolog
erzählt, und die mir von mehreren Personen bestättiget wurde, mag zum
Beweise dienen.

Als Wolfgang ungefähr im 6ten Jahre seines Alters war, kam einst sein
Vater, aus der Kapelle mit einem Freunde nach Hause zurück; sie trafen
den kleinen Tonkünstler mit der Feder in der Hand beschäftiget an. Der
Vater fragte ihn was er denn mache.

_Wolfg._ Ein Conzert fürs Klavier.

_Vat._ Laß sehen; das wird wohl was Sauberes seyn.

_Wolfg._ Es ist noch nicht fertig.

Nun nahm es der Vater in die Hand, und fand ein Geschmiere von Noten und
ausgewischten Tintenflecken; denn der kleine Komponist wußte mit der
Feder noch nicht recht umzugehen; er tauchte sie zu tief in der Tinte
ein und machte dann freylich immer Flecke auf das Papier, die er mit der
Hand auswischte, und so weiter darauf fortschrieb. Als aber der Vater
etwas aufmerksamer die Komposition betrachtete, blieb sein Blick vom
angenehmen Erstaunen und einer unbeschreiblichen Rührung darauf
gefesselt, und helle Thränen der Freude traten in seine Augen.

Sehen Sie Freund! sprach er dann lächelnd, wie alles richtig und nach
den Regeln gesetzt ist; nur kann man es nicht brauchen, weil es so
schwer ist, daß es sich nicht spielen läßt.

_Wolfg_. Dafür ist es auch ein Konzert; man muß so lange exerzieren, bis
man es heraus bringt. Sehen Sie, so muß es gehen.

Hier fieng er es an zu spielen, konnte aber auch selbst kaum so viel
vorbringen, als man erkennen konnte, was seine Gedanken gewesen sind.
Denn er hatte die Meynung, ein Conzert spielen, und Mirakel wirken sey
alles eins.

Zu dieser Zeit hatte es der Knabe schon so weit in der Musik gebracht,
daß der Vater ohne Bedenken auch das Ausland zum Zeugen der
außerordentlichen Talente seines Sohnes machen konnte.

Die erste Reise, die er mit ihm und seiner Schwester unternahm, war nach
München, im Jahre 1762. Hier spielte Wolfgang vor dem Churfürsten ein
Conzert, und erndete sammt seiner Schwester die größte Bewunderung ein.

Die zweyte Reise geschah im Herbste des nemlichen Jahres, also auch im
6ten Jahre seines Alters nach Wien, wo die beyden kleinen Virtuosen dem
kaiserlichen Hof vorgestellet wurden.

Eine verehrungswürdige Dame, die damals am Hofe war, versicherte mich,
daß beyde Kinder ein allgemeines Erstaunen erregt haben; man konnte kaum
seinen Augen und Ohren trauen, wenn sie sich produzirten. Vorzüglich hat
der verewigte Schätzer der Künste, Kaiser Franz I. an dem kleinen
Hexenmeister, (wie er ihn scherzweise nannte,) viel Wohlgefallen
gefunden. Er unterhielt sich vielmal mit ihm. Alle Anekdoten die Herr
Schlichtegroll bey dieser Gelegenheit erzählet, sind mir als wahr
bestättiget worden.

Der Kaiser hat unter andern mit ihm gescherzt, es seye wohl keine so
außerordentliche Kunst zu spielen; wenn man auf die Klaviatur schauen
kann, aber bey verdeckter Klaviatur – das wäre etwas? Mozart war damit
nicht in Verlegenheit gesetzt: er läßt sich die Klaviatur bedecken und
spielt eben so gut, wie vorher.

Auch dieß sey noch nichts besonderes, versetzte der Kaiser, wenn man mit
allen Fingern spielt; aber mit einem einzigen zu spielen, das wär erst
Kunst.

Auch diese Zumuthung machte den Knaben nichts weniger als verlegen – er
versuchte es mit Entschlossenheit auf der Stelle, und spielte zur
Verwunderung mehrere Stücke auf diese Art mit Nettigkeit aus. Schon
damals äußerte er einen Charakterzug, der ihm stets eigen geblieben
ist; nemlich die Verachtung alles _Lobes_ der Großen, und eine gewisse
Abneigung vor Ihnen, wenn sie nicht Kenner zugleich waren, zu spielen.
Mußte er es dennoch, so spielte er nichts als Tändeleyen, Tanzstücke
u. d. gl. unbedeutende Sachen. Aber, wenn Kenner zugegen waren, so war
er ganz Feuer und Aufmerksamkeit.

Diese Eigenheit behielt er bis zu seinem Tode, wie wir es bey seinem
dreymaligen Aufenthalt in Prag sehr oft erfahren haben.

So geschah es auch damals bey dem Kaiser Franz. Als er sich zum Klavier
setzte um ein Konzert zu spielen, und der Kaiser bey ihm stand, sagte
Mozart: »Ist Herr Wagenseil nicht hier? der versteht es.« Wagenseil kam,
und der kleine Virtuose sagte: »Ich spiele ein Conzert von Ihnen, Sie
müssen mir umwenden.«

Auch folgende Anekdote kann vielleicht zu seiner Schilderung beitragen.

Unter allen Erzherzoginnen nahm ihn Antoinette, die nachmalige Königinn
von Frankreich am meisten ein, und er hatte eine besondere Zärtlichkeit
für sie. Als er einst in den Zimmern der höchstseligen Kaiserinn Maria
Theresia war, und von den kleinen Prinzen und Prinzessinnen herum
geführt wurde, hatte er das Unglück, des Gehens am geglätteten Fußboden
ungewohnt, zu fallen. Niemand war geschäftiger ihm beyzuspringen und
aufzuhelfen, als die kleine Erzherzoginn Antoinette; dieß rührte sein
kleines Herz so sehr, daß er gerade zu der Monarchin eilte, und mit viel
Begeisterung die Güte des Herzens dieser Prinzessinn erhob. Wer hätte
einem solchen Kinde nicht gut werden sollen?

Die beyspiellose Fertigkeit, mit welcher er das Klavier behandelte, und
der hohe Grad der Kenntniß der Kunst, die er in einem Alter erreichte,
wo Kinder sonst noch kaum einen Kunsttrieb äußern, war bewundernswürdig
genug; ja es ließ sich wohl kaum etwas Größers erwarten. Aber der
wunderbare Geist der Töne, der in ihn von dem Schöpfer gelegt ward,
schritt alle gewöhnliche Schranken über, und ging, da er einmal erwacht
war, allem Unterrichte voran. Was man ihn lehren wollte, das war seinem
Geiste schon wie bekannt, und er schien sich nur daran zu besinnen!

Der Unterricht diente ihm also nur als Reizmittel, und zur Berichtigung
des Geschmackes.

_Mozart_ spielte bisher kein anderes Instrument als das Klavier; aber er
konnte auch schon geigen, bevor es sein Vater wahrnahm, oder ihm irgend
eine Anweisung auf der Violine gegeben hatte. Ich will den Vorfall, der
dieses offenbarte mit den Worten des Nekrologes erzählen. – »Mozart
hatte aus Wien eine kleine Geige mitgebracht, die er dort geschenkt
bekommen hatte. Kurz als die Familie wieder nach Salzburg zurück gekehrt
war, kam _Wenzl_ ein geschickter Geiger und Anfänger in der Komposition
zu dem Vater Mozart, und bath sich dessen Erinnerungen über 6 Trios aus,
die er während der Abwesenheit der Mozartischen Familie gesetzt hatte.«

»_Schachtner_, ein noch lebender Hoftrompeter in Salzburg, den der
kleine Mozart besonders liebte, war eben gegenwärtig. Der Vater,« so
erzählte dieser glaubwürdige Augenzeuge, »spielte mit der Viola den Baß,
Wenzl die erste Violin, und ich sollte die zweyte spielen. Der kleine
Wolfgang bath, daß er doch die zweyte Violin spielen dürfte. Aber der
Vater verwieß ihm seine kindische Bitte, weil er noch keine ordentliche
Anweisung auf der Violin gehabt hätte und daher unmöglich etwas Gutes
herausbringen könnte. Der Kleine erwiederte, daß, um die 2te Violin zu
spielen man es ja wohl nicht erst gelernet zu haben brauche; aber der
Vater hieß ihn halb in Unwillen davon gehen und ihn nicht weiter stören.
Der Kleine fing an bitterlich zu weinen, und lief mit seiner kleinen
Geige davon. Ich bath, man möchte ihn doch mit mir spielen lassen;
endlich willigte der Vater ein, und sagte zu ihm: Nun so geige nur mit
Herrn Schachtner, jedoch so stille, daß man dich nicht höre, sonst mußt
du gleich fort. Wir spielten und der kleine Mozart geigte mit mir, doch
bald bemerkte ich, daß ich da ganz überflüssig sey. Ich legte meine
Geige weg und sah den Vater an, dem bey dieser Scene Thränen der
gerührten Zärtlichkeit aus dem väterlichen Auge über die Wangen rollten.
So spielte Wolfgang alle 6 Trios durch. Nach deren Endigung wurde er
durch unsern Beyfall so kühn, daß er behauptete, auch die erste Violin
spielen zu können. Wir machten zum Scherz einen Versuch, und mußten
herzlich lachen, als er auch diese, wiewohl mit lauter unrechten und
unregelmäßigen Applikaturen, doch aber so spielte, daß er nie völlig
stecken blieb.«

Mit welcher bewundernswürdigen Genauigkeit sein Ohr auch den feinsten
Unterschied der Töne maß, wie unglaublich sicher sein Gedächtniß Töne
behielt, beweiset folgender Vorfall, der sich fast um gleiche Zeit
ereignete.

_Schachtner_, der erwähnte Freund des Mozartschen Hauses, und der
Liebling des kleinen Wolfgangs, besaß eine Violin, die dieser ihres
sanften Tones wegen vorzüglich liebte, und die Buttergeige nannte. Er
spielte eines Tages darauf. In einigen Tagen kam Schachtner wieder, und
traf den Wolfgang auf seiner eigenen kleinen Geige phantasirend an.

»Was macht ihre Buttergeige?« sagte Wolfgang und fuhr in seiner
Phantasie fort. Nach einer kleinen Pause, wo er sich auf etwas zu
besinnen schien, sagte er weiter:

Wenn sie aber nur ihre Geige immer in gleicher Stimmung ließen; sie war
das letztemal, als ich auf ihr spielte, um einen Viertelton tiefer, als
meine da. Man lächelte über diese dreiste Behauptung in einer Sache, wo
das geübteste Künstlerohr kaum einen Unterschied zu bemerken im Stande
ist.

Der Vater aber, der schon oft durch ähnliche Aeußerungen des großen
Tongefühls seines Sohnes überrascht wurde, hält es der Mühe werth die
Angabe zu prüfen. Die Geige wird gebracht, und zum allgemeinen Erstaunen
traf die Angabe mathematisch richtig ein.

Bey allen diesen Fertigkeiten, bey diesem außerordentlich großen Talent,
besaß der kleine Mozart einen Fleiß, der für seinen zarten Körperbau
vielleicht zu groß war. Man mußte ihn Abends vom Klavier wegrufen, oft
mit Ernst wegjagen, sonst hätte ihn die aufgehende Sonne vielleicht noch
bey demselben angetroffen.

Diese Vergessenheit seiner selbst, wenn er sich mit Musik beschäftigte,
blieb ihm bis an sein Ende eigen; er saß täglich am Fortepiano bis in
die späte Nacht. Ein sicheres Kennzeichen des Genies, welches seinen
Gegenstand immer mit der ganzen Kraft der Seele umfaßte, und seiner
selbst vergaß.

Man darf jedoch nicht glauben, daß er nicht auch zu andern Sachen fähig
war; alles was er lernte, begriff er leicht, und ergab sich dem
Gegenstande mit einem Eifer und Feuer, dessen Grund in seiner
empfindsamen Organisation lag. So bemahlte er Stühle, Tische und den
Fußboden mit Ziffern, als er rechnen lernte, und dachte und redete von
nichts andern, als von arithmetischen Aufgaben; er ward nach der Zeit
einer der geübtesten Rechenmeister.

Dabey war er so gehorsam und nachgiebig gegen seine Eltern, daß man nie
sinnlicher Strafen bedurfte, und daß er selbst keine Eßwaare ohne
Erlaubniß des Vaters annahm oder verzehrte.

Sobald sein großes Talent etwas bekannt wurde, so mußte er oft ganze
Tage sich vor Fremden hören lassen: und doch zeigte er nie Unwillen,
wenn ihn der Befehl seines Vaters wieder an das Klavier gehen hieß.
Gegen seine Gespielen war er immer voll Freundlichkeit und Wohlwollen,
und hieng an ihnen mit der ganzen großen Zärtlichkeit seines Herzen;
selbst in kindischen Unterhaltungen zeigte sich sein Geist der Musik,
von der immer etwas mit dabey seyn mußte.

Im siebenten Jahre seines Alters, das ist, im Jahr 1763 machte Mozart
mit seinen beyden Kindern die erste größere musikalische Reise in
Deutschland. Durch diese wurde der Ruhm des jungen Meisters allgemein
verbreitet. Er zeigte seine Talente und Fertigkeiten vorzüglich in
_München_, wo er auch ein Violin-Konzert vor dem Churfürsten spielte und
dazu aus dem Kopfe präambulirte; dann in _Augsburg_, _Manheim_, _Mainz_,
_Frankfurt_, _Koblenz_, _Kölln_, _Achen_ und _Brüssel_.

Von da giengen sie im November nach Frankreich, wo sich die Familie
21 Wochen aufhielt. Zu Versailles ließ sich der kleine 8 jährige Mozart
in der königl. Kapelle vor dem Könige und dem ganzen Hofe auf der Orgel
hören. Man schätzte zu dieser Zeit sein Orgelspiel noch höher als das
Klavierspiel.

In Paris gaben sie zwei Akademien fürs Publikum, wovon die Folge war,
daß alsogleich der Vater sammt den beyden Kindern in Kupfer gestochen
erschienen, und daß man allgemein in Bewunderung und Lobeserhebung
derselben wetteiferte. Hier gab auch Wolfgang Mozart seine ersten
Kompositionen in Stich heraus. Das erste Werk dedicirte er der Madame
Viktoire, der zweyten Tochter des Königs, das andere der Gräfinn Tesse.
Es sind Sonaten für das Klavier.

Von Paris ging die Familie den 10. April 1764 nach England. Noch in
demselben Monate ließen sich die Kinder vor der königlichen Familie
hören; so auch im folgenden, wobei zugleich Mozart auf der Orgel des
Königs spielen mußte. Darauf gaben sie ein großes Konzert für das
Publikum zu ihrem Besten; ein anderes zum Nutzen des Hospitals der
Wöchnerinnen: in beyden waren alle Sinfonien von der Komposition des
Sohnes. Dann spielten sie noch einmal vor dem König und dem vornehmsten
Adel.

Der ungewöhnliche Beyfall und die Bewunderung, zu welcher solche
Wundertalente das Publikum überall hingerissen haben, waren für den
jungen Mozart Antrieb und Reiz sich immer vollkommener zu machen. Er
sang auch mit der größten Empfindung Arien – und es war gewiß ein
rührendes Schauspiel dieses kleine Virtuosenpaar auf 2 Klavieren
konzertieren, oder im Gesange wetteifern zu hören! der Sohn war schon so
weit in der Kunst gekommen, daß er die schwersten Stücke von den größten
Meistern vom Blatte wegspielen konnte; in Paris und London legte man ihm
Sachen vom _Händel_ und _Bach_ vor, die er mit Akkuratesse und dem
angemessenen Vortrage zur Verwunderung jedes Kenners vom Blatt
wegspielte.

Als er bei dem Könige von England spielte, legte man ihm unter andern
einen _bloßen Baß_ vor, wozu er auf der Stelle eine vortreffliche
Melodie erfand und zugleich vortrug.

Während dieses Aufenthalts in England schrieb er 6 Klavier-Sonaten, die
er in London stechen ließ und der Königin dedizirte.

Den Sommer des Jahrs 1765 brachte die Familie in _Flandern_, _Brabant_
und _Holland_ zu. Während einer gefährlichen Krankheit, (_Blattern waren
es_), welche die beyden Kinder einige Monathe lang auf das Krankenbette
fesselte, fing Wolfgang andere 6 Klavier-Sonaten an; und als er sie nach
der Krankheit vollendet hatte, ließ er sie stechen, und dedizirte sie
der Prinzessin von Nassau-Weilburg. In dieser Krankheit zeigte sich die
immer rege Thätigkeit seines harmonischen Geistes sehr auffallend: denn
da er das Bette nicht verlassen durfte, so mußte man ihm ein Brett über
das Lager richten, auf welchem er schreiben konnte; und selbst als seine
kleinen Finger noch voll Pocken waren, konnte man ihn kaum vom Spielen
und Schreiben abhalten. Diese Anekdote ist aus dem Munde eines sehr
glaubwürdigen Zeugen.

Zu dem Installationsfeste des Prinzen von Oranien, im Anfange des Jahrs
1766, setzte der junge Mozart einige Sinfonien, Variationen und Arien.

Nachdem er einigemal bey dem Erbstatthalter gespielt hatte, gieng die
Familie wieder nach Frankreich, blieb einige Zeit in _Paris_, und reiste
über _Lyon_ und die _Schweiz_ nach _Schwaben_, wo sie einige Zeit in
Donaueschingen bey dem Fürsten von Fürstenberg verweilten, und dann zu
Ende des Jahrs 1766 nach einer Abwesenheit von 3 Jahren wieder in
Salzburg eintrafen.

Hier blieb nun die Mozartische Familie mehr als ein Jahr in Ruhe. Diesen
Zeitraum der Musse wendete der junge Künstler auf das höhere Studium der
Komposition, deren größte Tiefen er nun bald ergründet hatte. _Emmanuel
Bach_, _Hasse_ und _Händel_ waren seine Männer – ihre Werke sein
unablässiges Studium! Er vernachlässigte auch nicht die alten
italienischen Meister, deren Vorzüge in Rücksicht der Melodie und der
Gründlichkeit des Satzes so auffallend gegen die heutigen Italiener
abstechen. So schritt er immer näher zu der Stufe der Vollkommenheit,
auf der ihn bald darauf die Welt als eine seltene Erscheinung erblickte.

Im folgenden Jahre 1768 gieng Mozart nach Wien und spielte vor dem
Kaiser _Joseph_, der dem 12 jährigen Knaben den Auftrag gab, eine #Opera
buffa# zu schreiben. Sie hieß #La finta semplice#, und erhielt den
Beyfall des Kapellmeisters Hasse und Metastasios, wurde aber nicht
aufgeführt.

Bey diesem Aufenthalte zu Wien war er oft bey dem Dichter Metastasio,
der ihn sehr liebte, bey dem Kapellmeister Hasse und dem Fürsten
Kaunitz; hier gab man ihm oft die erste beste italienische Arie, zu
welcher Wolfgang auf der Stelle in Gegenwart aller Anwesenden die Musik
mit allen Instrumenten setzte. Dieses Faktum bestättigen mehrere noch
lebende verehrungswürdige Zeugen, aus deren Mund ich die Anekdote gehört
habe.

Zu der Einweihung der Kirche des Waisenhauses, welche zu dieser Zeit
gefeyert wurde, komponirte der zwölfjährige Meister Mozart die
Kirchenmusik, und dirigirte ihre Aufführung in Gegenwart des ganzen
kaiserlichen Hofes.

Das Jahr 1769 brachte er mit seinem Vater in Salzburg zu, theils in
vollkommener Erlernung der italienischen Sprache, theils in der
Fortsetzung des höhern Studium seiner Kunst. In demselben Jahre wurde er
zum Konzertmeister bey dem Salzburgischen Hofe ernannt.

Mozart hatte nun die ansehnlichsten Länder Europens gesehen; der Ruhm
seines großen, früh gereiften Künstlertalents blühte bereits von den
Ufern der Donau bis zur Seine und der Themse hin; aber er war noch nicht
in dem Vaterlande der Musik gewesen. Italiens Beyfall und Bewunderung
mußte erst der Urkunde seines Ruhmes das Siegel aufdrücken. Auch war es
seinem nach Vollkommenheit strebenden Geiste daran gelegen, die Blüthe
der Tonkunst – den Gesang in seinem natürlichen Boden zu beobachten, und
die vielen großen Männer, die damals noch Italiens Ruhm in der Musik
stützten, zu kennen – und von ihnen zu lernen.

Im Dezember des nämlichen Jahres verließ also Mozart blos in Begleitung
seines Vaters, Salzburg. Sein erster Aufenthalt war Inspruck, wo er in
einer Akademie bey dem Grafen Künigl ein Konzert #primi vista# mit
vieler Leichtigkeit spielte. Von da giengen sie nach Mailand.

Hatte in Frankreich und England sein großes Genie und die seltenen
Kunst-Fertigkeiten Bewunderung erregt, so war es in Italien feuriger
Enthusiasmus, mit dem man ihn aufnahm und erhob! Selbst der mächtige
Nationalstolz, und das Vorurtheil des Ultramontanismus wich besiegt von
den glänzenden Talenten des 12 jährigen Knaben; er schien eine
Erscheinung vom Himmel, ein höherer Genius der Tonkunst zu seyn!

So groß war die Ueberlegenheit seines Genies, daß ihm zu Mailand nach
einigen öffentlichen Proben seiner Kunst, gleich die #Scrittura# zu der
#Opera seria# für den künftigen Karneval 1771 gegeben ward. Von da
reisete er schon im März 1770 nach Bologna – eine Stadt die nebst Neapel
den größten Ruhm der Musik hatte.

Hier fand der junge Künstler einen enthusiastischen Bewunderer an dem
berühmten Kapellmeister Pater _Martini_,[1] dem größten Kontrapunktisten
und einem berühmten Schriftsteller in der Musik. Künstler von wahrem
Verdienst ehren einander überall! Auch haben es die Italiener nicht nur
an Mozart, sondern auch an unserm Landsmann Misliweczek bewiesen, daß
sie große Talente, wenn sie auch außer Italien entsprossen sind, zu
schätzen verstehen. Wie groß war die Achtung, in der dieser berühmte
Böhme in Neapel und Rom stand?

[Fußnote 1: Anmerkung: Ohne meine Erinnerung werden die Leser
einsehen, daß dieser Martini mit dem Opernkomponisten Martini,
dem Verfasser der #Cosa rara#, nicht zu verwechseln sey.]

Abbate _Martini_ war nebst den andern Kapellmeistern außer sich vor
Bewunderung, als der junge Mozart über jedes Fugenthema, das ihm Martini
hinschrieb, die gehörige Eintheilung und Disposition nach der ganzen
Strenge der Kunst angab, und die Fuge augenblicklich auf dem Klavier
ausführte.

Zu Florenz fand man bey seiner Gegenwart alles, was der Ruf von seinen
Talenten sagte, zu gering, als Mozart bey dem #Marchese Ligneville#
ebenfalls einem großen Kontrapunktisten, jedes angegebene Thema auf der
Stelle vortrefflich ausführte – jede vorgelegte Fuge, mit einer
Leichtigkeit vom Blatte wegspielte, als hätte er sie selbst komponirt.
Und wie wahr es ist, daß treffliche Geister einander verstehen und ihre
Verwandschaft bald anerkennen, zeuget die Bekanntschaft, die Mozart hier
in Florenz mit einem jungen Engländer _Thomas Linley_, einem Knaben von
14 Jahren gemacht hatte. Er war der Schüler des berühmten Violonisten
Nardini, schon selbst Virtuose und Meister seines Instrumentes. Sie
wurden bald innige vertraute Freunde; ihre Freundschaft aber war nicht
Knaben Anhänglichkeit, sondern die Zärtlichkeit zweyer tieffühlenden,
übereinstimmenden Seelen! sie achteten sich als Künstler, und führten
sich auf wie Männer! Wie bitter war ihnen der Tag ihrer Trennung? Linley
brachte Mozarten am Tage der Abreise noch ein Gedicht, das er von der
Dichterin _Corilla_ auf ihn hatte verfertigen lassen, schied unter
vielen Umarmungen und Thränen von ihm, und begleitete seinen Wagen unter
beständigen Aeußerungen der zärtlichsten Betrübniß bis vor die Stadt.

Von Florenz reisete Vater und Sohn nach Rom; sie kamen eben in der
Charwoche an. Hier hatte nun Mozart Gelegenheit genug die vielen
Meisterstücke der erhabensten Kirchenmusik zu hören, die in dieser
heiligen Zeit bey der ernsten Feyer der Welterlösung aufgeführt werden.
Den ersten Rang darunter verdiente das berühmte _Miserere_, welches
Mittwochs und Freytags diese Woche in der sixtinischen Kapelle blos von
Vokalstimmen gesungen wird, und das in dem _erhabenen, feyerlichen_
Kirchengesange das #non plus ultra# der Kunst seyn soll; so zwar daß es
den päpstlichen Musikern unter der Strafe der Exkommunikation verbothen
ward, eine Kopie davon zu machen.

Dieß gab dem jungen Mozart den Gedanken ein, bei der Anhörung desselben
recht aufmerksam zu seyn, und es dann zu Hause aus dem Gedächtnisse
aufzuschreiben. Es gelang ihm über alle Erwartung; er nahm den Aufsatz
am Charfreytage zur Wiederholung desselben mit, um im Stande zu seyn
Verbesserungen zu machen, und das Mangelhafte zu ergänzen.

Bald verbreitete sich der Ruf davon in Rom, und erregte allgemeines
Aufsehen und Erstaunen; besonders, da es Mozart in einer Akademie
aufführte, wobey der Kastrat Christophori zugegen war, welcher es in der
Kapelle gesungen hatte, und durch sein Erstaunen Mozarts Triumph
vollkommen machte.

Wer es einsieht, welchen Aufwand von Kunst eine so vielstimmige,
kritische Choralmusik erfodert, der wird mit Recht durch diese
Begebenheit in Erstaunen gesetzt. Welch ein Ohr, Gedächtniß, Tongefühl –
welche Kenntniß des Satzes war das, die vermögend war, ein solches Werk
sogleich zu fassen und so vollkommen zu behalten? Dieß zu können, mußte
ein höheres Maß von Kräften vorhanden seyn, als man gewöhnlich
anzutreffen pflegt.

In Neapel, wohin er sich aus Rom begab, fand Mozart nicht weniger
Bewunderer, als in den andern Städten Italiens; denn jeder unbefangene
Zuhörer mußte seinem Genie huldigen. Mozart riß später als Mann mit der
Allgewalt seiner Kunst jedes gefühlvolle Herz hin: was mußte den
Zuhörern in Italien geschehen, die einen Knaben sahen und den
vollendetesten Künstler hörten? – Sie hielten ihn für einen Zauberer:
der war nun Mozart freylich: aber die magische Kraft lag nicht in seinem
Ringe, wie man in Neapel wähnte; denn als er ihn auf Verlangen der
Zuhörer weglegte, war sein Spiel nicht weniger bezaubernd, als zu vor.
Man denke sich nun das Erstaunen und die Bewunderung der lebhaften
Italiener? Von Neapel kehrte Mozart, mit einem Rufe, der nur _selten_
einem Künstler vorangeht, nach Rom zurück. Der Papst durch alle die
Wunder der Kunst aufmerksam gemacht, wollte den jungen Kapellmeister
sehen. Er ward ihm vorgestellt, und erhielt das Kreuz und Breve als
Ritter #militiae auratae#.

Auf seiner Rückreise von Rom nach Mayland, hielt er sich wieder eine
kurze Zeit zu Bologna auf, wo er mit einstimmiger Wahl als Mitglied und
Maestro der philharmonischen Akademie aufgenommen wurde. Zur Prüfung
bekam er eine vierstimmige Fuge im Kirchenstil auszuarbeiten; man schloß
ihn deshalb in ein Zimmer ganz allein ein. Er war damit in einer halben
Stunde fertig und erhielt das Diplom.

In allen diesen Städten wurden ihm Opern-Akkorde für den nächsten
Fasching angetragen; da er aber bereits für Mailand versprochen war, so
mußte er sie alle ausschlagen. Daher eilte er dahin zu kommen. Seine
Oper unter dem Titel: #Mitridate# kam noch zu Ende des Jahres 1770, den
26. Dezember auf die Scene; sie erhielt allgemeinen Beyfall und ward
zwanzigmal nacheinander aufgeführt. Eben darum wurde mit ihm alsogleich
schriftlichen Akkord auf die #Opera seria# für den Karneval von 1773
eingegangen. Sie hieß, #Lucio Sulla# und erhielt einen noch größern
Beyfall als #Mitridate#, denn sie wurde 26mal ohne Unterbrechen
aufgeführt.

Auf seiner Rückreise aus Italien im J. 1771, besuchte er noch Venedig
und Verona; hier überreichte man ihm auch das Diplom als Mitglied der
philharmonischen Gesellschaft.[2] So kam er nach einem Aufenthalte von
mehr als 15 Monaten in Italien, nach Salzburg zurück. Die Ausbeute
dieser langen Reise war ein Schatz neuer Kenntnisse und Ideen, ein
geläuterter Geschmack und die Bewunderung einer Nation, die von der
Natur selbst zur Richterin in der Tonkunst berufen zu seyn schien.

[Fußnote 2: Anmerkung. Alle diese Diplome, so wie das Kreuz des
päpstl. Ordens, bewahret die Wittwe zum Andenken.]

Bey seiner Ankunft in Salzburg fand Mozart einen Brief von dem Grafen
_Firmian_ aus Mayland, worinn ihm dieser im Namen der Kaiserin _Maria
Theresia_ den Auftrag machte, die große theatralische Serenate zur
Vermählung des Erzherzogs _Ferdinand_ zu schreiben.[3] Zu diesem Feste
schrieb _Hasse_, der älteste unter den Kapellmeistern die Opera, und
Mozart, der jüngste unter ihnen, die Serenate; die Kaiserin schien das
so mit Absicht angeordnet zu haben! Diese Serenate hieß: #Ascanio in
Alba#; während der Feyerlichkeit ward immer mit der Oper und der
Serenate abgewechselt. Bey der Wahl des neuen Erzbischofs von Salzburg,
1772, schrieb Mozart auch eine theatralische Serenate, betitelt: #Lo
sogno di Scipione.#

[Fußnote 3: Serenaten waren eine Gattung Kantaten, denen zum
Grunde ein dramatisches Sujet gelegt war; sie hatten also
Aehnlichkeiten mit den Oratorien.]

Einige Reisen die Mozart im Jahre 1773 und 1774 nach Wien und München
machte, gaben die Gelegenheit zu mehreren Meisterwerken der Tonkunst;
hieher gehört die komische Oper: #La finta Giardiniera#, und mehrere
Messen für die Münchner Hofkapelle.

Im Jahre 1775 schrieb Mozart in Salzburg die Serenate #il re pastore#,
welche außerordentlich gefiel, und unter diejenigen ältern Werke Mozarts
gehört, die auch jetzt noch ihren großen Werth haben; denn er hatte
darinn schon den hohen Geist ahnden lassen, der in seinen spätern
Kunstwerken herrscht. Dahin gehört das Oratorium der büssende David,
welches unter die besten Werke dieser Art gehört, und auch jetzt noch
von Kennern bewundert wird.




II.

Mozart als Mann.


Diesen Zeitpunkt, das heißt, sein 20stes Lebensjahr können wir für die
Epoche seiner Vollendung als Meister annehmen; denn von nun an zeigte er
sich immer als ein solcher im glänzendesten Lichte, und mit einer
entscheidenden Ueberlegenheit des Geschmackes und Genies; alle seine
Werke, die er seit dem geliefert hat, sind klassisch und erwarben ihm
die Krone der Unsterblichkeit. Wir fahren in der Erzählung seiner
Lebensbegebenheiten fort, und werden die vorzüglichsten seiner Werke,
aus dieser Lebensperiode, in einem besondern Abschnitte rezensiren.

Mozarts Ruhm war nun gegründet. Jede große Stadt, die er zu dem
Schauplatze seiner Talente gemacht hätte, würde ihn mit Freude
aufgenommen, und seine Werke mit Entzücken angehört haben. Zu einer
solchen Erwartung berechtigte ihn im hohen Maße die große Wirkung, die
sein zweifaches gleich großes Talent, des Klavierspielers und
Kompositors jedesmal und überall auf das Publikum gemacht hatte.

Unter diesen Städten war wohl _Paris_ der angemessenste Platz für das
Genie Mozarts; um so mehr, da seine Kunst dort ein schon begeistertes
Publikum gefunden hätte. Aber er hatte keinen Geschmack an der
französischen Musik; über dieß war sein gerader Charakter zu Intriguen
und Kabalen nicht gemacht, die auf diesem großen Tummelplatze
menschlicher Leidenschaften auch die Künste mit ihren Schlangenwindungen
umstrickten. Er kam also von der letzten Reise, die er im Jahre 1777 mit
seiner Mutter nach Paris zu dem Endzwecke gemacht hatte, bald wieder,
aber allein zurück; denn sie starb dort.[4] Auch dieß mag seinem
gefühlvollen Herzen den Aufenthalt in Paris verleidet haben. Zu Ende
des Jahres 1778 war er schon wieder in Salzburg.

[Fußnote 4: Anmerkung: Diese Reise nach Paris gab der Welt die
große Sinfonie in #D.# die deshalb und ihres raschen Feuers
wegen, die französische heißt.]

Der Bayerische Hof, der schon so oft Zeuge seines Künstlertalentes war,
und insbesondere der damalige Churfürst, der große Schätzer aller
schönen Künste, liebte Mozarts Musik im hohen Grade. Er bekam daher den
Auftrag für den Fasching vom 1781 in München eine #Opera seria# zu
schreiben.

Da schuf Mozart das erhabene Werk, die Oper #Idomeneo#; worinn eine
Gedankenfülle, eine Wärme der Empfindung herrscht, die sich nur von der
Jugendkraft eines genialischen Tonkünstlers wie Mozart erwarten ließ.
Diesen Aufenthalt in München rechnete Mozart unter die angenehmsten Tage
seines Lebens und vergaß nie auf die gefällige Freundschaft, die er da
von so vielen Männern vom Verdienst genoß.

Aus München ward er durch einen Auftrag seines Erzbischofs nach Wien
berufen: und von dieser Zeit an, das heißt von seinem 25sten Jahre,
lebte er in dieser Kaiserstadt, die eben so sehr durch den entschiedenen
Hang des Publikums zur Musik, als auch durch die Menge vortrefflicher
Tonkünstler, für Mozarts Geist wichtig seyn mußte.

Von hier aus verbreiteten sich seine erstaunenswürdigen Kompositionen
zunächst nach Böhmen, dann in das übrige Deutschland, und gaben dem
Geschmacke in der Musik einen großen Schwung, eine neue Richtung, die
aber seine zeitherigen Nachahmer verzerren und verderben.

Sein Spiel auf dem Pianoforte fand zuerst Bewunderer und Liebhaber; denn
obschon Wien mehrere große Meister dieses Instrumentes, des Lieblinges
des Publikums zählte, so kam doch keiner unserm Mozart gleich. Eine
bewundernswürdige Geschwindigkeit, die man besonders in Rücksicht der
linken Hand oder des Basses einzig nennen konnte, Feinheit und
Delikatesse, der schönste, redendeste Ausdruck und ein Gefühl, das
unwiderstehlich zum Herzen drang, sind die Vorzüge seines Spieles
gewesen, die gepaart mit seiner Gedankenfülle, mit der tiefen Kenntniß
der Komposition natürlich jeden Hörer hinreißen, und Mozarten zu dem
größten Klavierspieler seiner Zeit erheben mußten.

Seine Klavierkompositionen aller Art, Sonaten, Variationen, Konzerte,
wurden bald allgemein bekannt und beliebt. Man ward bey jedem neu
erschienenen Werke überrascht durch die Neuheit des Stiles, und der
Gedanken – man staunte über die Höhe, zu der sich die Musik durch seine
Werke so schnell empor schwang!

In Wien fand Mozart einen Tonkünstler, dessen Genie dem seinigen am
ähnlichsten war; ich meine den berühmten Schöpfer der Alzeste und
Iphigenie, _Ritter von Gluck_, einen Böhmen von Geburt. Der Umgang mit
ihm und das unablässige Studium seiner erhabenen Werke gab Mozarten viel
Nahrung, und hatte Einfluß auf seine Opernkompositionen. Auch wurde
Mozart bald der innigste Verehrer des großen, unvergleichlichen _Joseph
Haydn_, der schon damals der Stolz der Tonkunst war, und nun, nachdem
Mozart nicht mehr ist, unser einzige Liebling, unsere Wonne bleibt.
Mozart nannte ihn oft seinen Lehrer.

Bald nachdem Mozart seinen Aufenthalt in Wien aufgeschlagen hatte, faßte
der unvergeßliche Kaiser _Joseph_ II. den Gedanken, der eines deutschen
Kaisers so würdig war, den Geschmack an italienischen Opern durch die
Unterstützung deutscher Singspiele und Sänger zu verdrängen, und für das
Vaterländische mehr zu stimmen. Er versammelte daher die besten Sänger
und Sängerinnen, und ließ von Mozart eine deutsche Oper setzen. Für
diese Virtuosen schrieb Mozart das allgemein bekannte, allgemein
beliebte Singspiel, die _Entführung aus dem Serail_ in dem Jahre 1782.

Sie machte allgemeines Aufsehen; und die schlauen Italiener sahen bald
ein, daß ein solcher Kopf für ihr welsches Geklingel bald gefährlich
werden dürfte. Der Neid erwachte nun mit der ganzen Schärfe des
italienischen Giftes! Der Monarch der im Grunde von der _neuen
tiefeindringenden_ Musik entzückt war, sagte doch zu Mozart: »Gewaltig
viel Noten lieber Mozart!«

»Gerade so viel, Eure Majestät, als nöthig ist,« versetzte dieser mit
jenem edlen Stolze, und der Freymüthigkeit, die großen Geistern so gut
anstehet. Er sah es ein, daß dieß nicht eigenes Urtheil, sondern
nachgesagt war.

Ich darf hier nicht verschweigen, daß Mozart zu der Zeit, als er diese
Oper schrieb, _Konstanza Weber_, seine nachmahlige Gemahlin, die
Schwester der berühmten Sängerin _Lang_, liebte und eben Bräutigam war.
Den Einfluß, den diese Seelenstimmung auf die Komposition dieser Oper
haben mußte, wird jedermann erkennen, der sie gehört hat; denn wer weiß
es nicht, wie voll süßer Gefühle, voll schmachtender Liebe sie ist?

Ich kann den Beyfall und die Sensation, die sie in Wien erregte, nicht
aus eigener Erfahrung beschreiben – aber ich bin Zeuge des Enthusiasmus
gewesen, den sie bey ihrer Aufführung in Prag in Kennern und
Nichtkennern verursachte! Es war, als wenn das, was man hier bisher
gehört und gekannt hatte, keine Musik gewesen wäre! Alles war
hingerissen – alles staunte über die neuen Harmonien, über die
originellen, bisher ungehörten Sätze der Blasinstrumente. Nun fingen die
Böhmen an seine Kompositionen zu suchen; und in eben dem Jahre hörte man
schon in allen bessern musikalischen Akademien, Mozarts Klavierstücke
und Sinfonien. Von nun an war die Vorliebe der Böhmen für seine Werke
entschieden! Die größten Kenner und Künstler unserer Vaterstadt, waren
auch Mozarts größte Bewunderer, die feurigsten Verkündiger seines
Ruhmes.[5]

[Fußnote 5: Vorzüglich der verehrte Herr _Duscheck, Kucharz,
Praupner, Johann Kozeluch, (nicht Leopold der in Wien lebt,) die
beyden Loschek, Maschek, Caj.



Pages: | 1 | | 2 | | 3 | | 4 | | Next |

Main -> Niemetschek, Franz Xaver -> Lebensbeschreibung des k. k. Kapellmeisters Wolfgang Amadeus Mozart